Fundstück

„Ein untadeliger Beamter und Menschenfreund“ – Zum 70. Todestag von Dr. Friedrich Paffrath

Fundstück des Monats März 2025

Im nördlichen Innenstadtbereich von Wilhelmshaven befindet sich die Friedrich-Paffrath-Straße.

Wenn man sich – wie die Mitarbeiterinnen des Remscheider Stadtarchivs – mit der Herkunft von Straßennamen beschäftigt, hat man gleich den Eindruck: So richtig norddeutsch klingt der Name nicht. Hat er nicht für unsere bergischen Ohren einen überaus vertrauten Klang? Wenn wir aus touristischen Gründen einen Ausflug nach Wilhelmshaven gemacht hätten, wären wir wohl der Versuchung erlegen, dem vertrauten Klang nachzuspüren und herauszufinden, welcher Mann aus unserer bergischen Heimat bedeutend genug gewesen ist, dass man in einer zwischen der Unterweser und Ostfriesland gelegenen Nordseestadt eine der größten Straßen nach ihm benannte.

Tatsächlich aber kam die Sachkenntnis wie so oft über eine private Materialsammlung zu uns ins Archiv. Eine alteingesessene Remscheiderin hatte einige Dokumente ihres Großonkels Fritz gefunden und dem Archiv übergeben – biografische Angaben inklusive. So stellte uns die Recherche denn auch vor keine größeren Schwierigkeiten: Dr. Friedrich Paffrath war nämlich in der Tat eine bedeutende Persönlichkeit in der rund 75.000 Einwohner zählenden Stadt an der Nordwestküste des Jadebusens, und seine Vita ist gut dokumentiert.

Friedrich Paffrath wurde am 9. September 1896 in Remscheid als Sohn des Stadtsekretärs (und späteren Rechnungs- und Verwaltungsdirektors) Karl Friedrich Wilhelm Paffrath und seiner Ehefrau Franziska Emilie geb. Kotthaus geboren. Die Familie wohnte in der Schützenstraße. In seinen Jugendjahren, vor dem Ersten Weltkrieg, begeisterte sich Paffrath für die Wandervogelbewegung. Er organisierte und leitete in diesen Jahren zahlreiche Wandertouren mit Gleichgesinnten.

Nach Notabitur und dem mit einer schweren Verwundung an der Hand beendeten Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg kehrte Paffrath für einige Zeit nach Remscheid zurück, wo er in der Verwaltung arbeitete. 1921 bestand er das Kommunalbeamten-Examen an der Universität Köln und wurde dort 1922 mit der Dissertation „Der Soziallohn (Ein Beitrag zu dem Problem der kinderreichen Familie)“ zum Dr. rer. pol. promoviert. Seine kommunalpolitische Laufbahn nahm im Mai 1922 ihren Anfang, als er als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter beim Magistrat der thüringischen Stadt Saalfeld anfing. In dieser Funktion war er verantwortlich für die Bearbeitung von Finanz-, Steuer- und Rechtsfragen für den Ersten Bürgermeister. Nur wenige Monate später wurde er zum Stadtsyndikus ernannt und gleichzeitig bis April 1925 zum Beigeordneten gewählt. Nach seiner Wiederwahl für die folgende Amtsperiode umfasste sein Dezernat unter anderem das Steuerwesen, das Innungswesen sowie die Rechtsberatungsstelle. 1927 heiratete er in Saalfeld seine erste Ehefrau Aenne Pommer. In der Folgezeit bekleidete er verschiedene kommunale Ämter, u.a. war er von 1925 bis 1929 Erster Bürgermeister in Schmölln/Thüringen.

Dr. Paffrath wurde anschließend zur prägenden Figur für die Stadt Rüstringen bei Wilhelmshaven (Land Oldenburg) in einer sehr herausfordernden Zeit. Er trat am 1. Mai 1929 als jüngster Oberbürgermeister des Deutschen Reichs in Rüstringen an, wo man ihn trotz seiner Jugend aus über neunzig Kandidaten ausgewählt hatte. Dort musste er sich bald mit den Folgen des wirtschaftlichen Niedergangs auseinandersetzen, der durch die Reduzierung der Kriegsflotte und die damit verbundene hohe Arbeitslosigkeit verursacht wurde. Paffraths Bemühungen um Arbeits- und Wohnraumschaffung zeugen von seinem großen Engagement für die Bürger. Als während seiner allerersten Zeit in Rüstringen das dortige neue Rathaus eingeweiht wurde, ist folgender Satz aus Friedrich Paffraths Festrede überliefert: „Möge alle Arbeit des Stadtrats und der Verwaltung immer von dem Gedanken besselt sein, das Beste für das Gemeinwesen, für die gesamte Bevölkerung zu schaffen.“ Damit ist der aufrechte, pflichtbewusste Remscheider, der sich immer nur dem Gemeinwohl verpflichtet fühlte, hinreichend charakterisiert.

Doch die Zeit der Aufrechten in Politik und Verwaltung war bald vorbei, wie man weiß. Der aus dem roten Remscheid stammende Friedrich Paffrath, dem selbst seine politischen Gegner untadeliges und sogar mustergültiges Verhalten attestierten, wurde als „Sozialdemokrat mit Herz und Seele“ aus dem Amt gedrängt und durch das Ministerium des Innern  mit Verfügung vom 6. Juni 1933 in den einstweiligen Ruhestand versetzt – ein Vorgehen, das man im Nachhinein als der „Tragik der historischen Entwicklung geschuldet“ rechtfertigte. Es folgte finanziell und persönlich eine schwierige Zeit für den ehemaligen Oberbürgermeister: Er schlug sich in Kiel mehr schlecht als recht als selbständiger Handelsvertreter von kleineren Schiffausrüstern durch; außerdem starb seine Ehefrau. Ab Sommer 1943 war Friedrich Paffrath als Abteilungsleiter der Germania-Werft Kiel in Blankenburg beschäftigt, wo er nach Kriegsende als ehrenamtlicher Bürgermeister eingesetzt wurde. Als die unselige Zeit endlich vorüber war, ging es auch für Paffrath wieder bergauf: Man bat ihn im Sommer 1945, das Amt des Oberbürgermeisters in Wilhelmshaven zu übernehmen, was der Remscheider trotz der in der schwierigen Nachkriegszeit vor ihm liegenden Herausforderungen ohne zu zögern übernahm. Nach der Reform der Gemeindeordnung und der nach britischem Vorbild geschaffenen kommunalen Doppelspitze wurde Paffrath im November 1945 zum Oberstadtdirektor (und damit zum Chef der Verwaltung) berufen, wo er sich mit der gewohnten Tatkraft dem Wiederaufbau der stark zerstörten Stadt widmete. Mit welchen Schwierigkeiten Paffrath in seinem neuen Amt konfrontiert war, schildert die Wilhelmshavener Zeitung in einem Rückblick aus dem Jahr 2021:

„Nachdem bis Dezember 1945 etwas über 3600 Flüchtlinge und Vertriebene in Wilhelmshaven Zuflucht gesucht hatten, waren es bis zum 31. Dezember 1948 rund 13 100. Sie kamen und wurden hierher zugewiesen, obwohl die Stadt, die bis dahin von der Marine und der Kriegsmarinewerft gelebt hatte, völlig ohne Perspektive dastand. Die Werft, in der bis zu 20 000 Menschen gearbeitet hatten, wurde demontiert. Die letzten paar Werftarbeiter verließen 1950 das Gelände. Die Arbeitslosigkeit schnellte auf zeitweise 30 Prozent in die Höhe. Wilhelmshaven war das Armenhaus der neu entstehenden Republik, ein Notstandsgebiet.“

Dazu kam die katastrophale Ernährungslage und der Brennstoffmangel. Die Menschen in Friesland hungerten und froren, viele wurden krank – angesichts von Not und Elend rief der unermüdlich arbeitende Dr. Friedrich Paffrath die Notgemeinschaft Wilhelmshaven ins Leben. Sie war die Dachorganisation der in der Jadestadt tätigen freien Wohlfahrtsverbände: der Arbeiterwohlfahrt, der Caritas, des Evangelischen Hilfswerks und des Deutschen Roten Kreuzes. Sie führte monatliche Haussammlungen durch und nahm Spenden entgegen. Dadurch konnten hilfsbedürftigen Bürgern Barunterstützungen gewährt werden, außerdem wurden sie mit Bekleidung, Schuhen, Wäsche und Haushaltsgegenständen versorgt.

Daneben übernahm die Notgemeinschaft die Kosten für Weihnachtsbeihilfen für Kriegshinterbliebene und -beschädigte, beschaffte Spielzeug für Flüchtlingskinder und ließ 1947 eine Volksküche mit fünf Ausgabestellen im Stadtgebiet einrichten.

Paffraths außerordentliches persönliches und berufliches Engagement äußerte sich auch in zahlreichen Ehrenämtern. Seine Erfahrungen aus der schwierigen Zeit ließ er in den 1952 verfassten Bericht über den Wiederaufbau der Verwaltung und des Wirtschaftslebens in Wilhelmshaven einfließen. Und in diesem Jahr 1952 entstand auch unser Fundstück des Monats - das Foto, das Friedrich Paffrath an der Seite von Prof. Dr. Theodor Heuss zeigt. Es wurde laut einer handschriftlichen Notiz auf der Rückseite am 19. Juni 1952 aufgenommen. Dabei handelt es sich vermutlich um ein Versehen oder einen Schreibfehler, denn tatsächlich fand der Besuch von Theodor Heuss – wie die freundliche Kollegin Cathrin Ramelow vom Stadtarchiv Wilhelmshaven netterweise für uns recherchierte - am 29. Juni 1952 aus Anlass der Jahrestagung der Nordwestdeutschen Universitätsgesellschaft statt. Diese wurde 1948 mit dem Ziel gegründet, Wilhelmshaven zu einem Hochschul- und Forschungsstandort auszubauen. Die Gesellschaft, die heute noch existiert, setzte sich insbesondere für die Ansiedlung von Hochschulinstituten aber auch von außeruniversitären Forschungseinrichtungen im Raum Wilhelmshaven ein, förderte wissenschaftliche Arbeiten über den Küstenraum und vergab Studiendarlehen für Studierende. Die Jahrestagung zum fünfjährigen Bestehen fand im Wilhelmshavener Stadtteil Rüstersiel statt (damals noch Sitz der Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft, später: Hochschule für Sozialwissenschaften), und es war ein erlauchter Kreis, der dort zusammenkam: Dr. Friedrich Paffrath hatte die ehrenvolle Aufgabe, als Gastgeber nicht nur Theodor Heuss zu begrüßen, sondern auch Bundestagspräsident Dr. Hermann Ehlers und den niedersächsischen Ministerpräsidenten Heinrich-Wilhelm Kopf.

Die übergroße Belastung seines Amtes unter widrigsten Bedingungen und die Widerstände, die es zu überwinden gab, ruinierten die ohnehin stark angeschlagene Gesundheit des zuckerkranken Remscheiders vollends: Viel zu früh starb der mittlerweile in zweiter Ehe verheiratete Dr. Friedrich Paffrath am 26. April 1955 im Alter von 58 Jahren in Wilhelmshaven an einem Schlaganfall. An der Trauerfeier am 2. Mai nahmen mehrere Tausend Einwohner, ungezählte Wegbegleiter und zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens teil. Seine überragende Bedeutung für die Stadt Wilhelmshaven fand unter anderem ihren Ausdruck darin, dass, wie eingangs erwähnt, eine der Hauptverkehrsachsen in der Innenstadt nach dem gebürtigen Rheinländer benannt wurde. „Er lebte sein Leben für unsere Stadt“, hieß es im Nachruf. Eine Stadt, die ihm zur eigentlichen Heimat geworden ist, während man ihn in seiner Geburtsstadt Remscheid überhaupt nicht kennt. Wir finden, es ist an der Zeit, das zu ändern, und widmen Dr. Friedrich Paffrath darum zu seinem 70. Todestag unser Fundstück des Monats März 2025!

 

Verfasst von: Viola Meike  

 

Bild: Fritz Paffrath als Schüler der städtischen Oberrealschule (heute Leibniz-Gymnasium) vor dem Schulgebäude in der Hindenburgstraße (heute Gertrud-Bäumer-Gymnasium), um 1910. Im Hintergrund Paffraths Elternhaus, Schützenstraße 67

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